Stiller Frühlingsmorgen an der 1.-Mai-Exkursion in Balzers

Der Baumpieper setzt zum Singflug an (Foto: Vogelwarte Sempach)

Als in den 60er Jahren das Ausbleiben eines beträchtlichen Teils der Zugvögel nach und nach festgestellt werden konnte – dokumentiert von der amerikanischen Biologin Rachel Carson im Werk Stummer Frühling / Silent Spring – alarmierte dies nicht nur Vogelfreunde. Vielmehr gab besagtes Buch der Umweltbewegung neue Impulse und erstmals begann man, Vernetzung und Interdependenz des Lebens auf dieser Welt zu thematisieren und die damalige Fortschrittsgläubigkeit in Frage zu stellen. Auch am vergangenen 1. Mai bekamen die 45 Besucher der 1.Mai-Exkursion des OV Balzers wenig Aufregendes und überhaupt wenig Gesangliches zu hören – es war ein stiller Frühlingsmorgen.
Auch wenn dies einer Laune der Natur zuzuschreiben wäre, so gab die auffällige Zurückhaltung der Singvögel einiges zu reden und erinnerte Kenner der Vogelwelt an die fatale Entwicklung des vergangenen Jahrhunderts, welche scheinbar auch in unseren Zeiten weitergeht.
Die Naturschutzzone Lange Wiesen in Balzers sollte eigentlich alles bieten, was die Vögel mögen: Hecken, weite Fluren, Waldränder, Bäche, Baumgruppen, ja sogar einige Magerwiesen…  Den anwesenden Experten Steven Lampert, Georg Wille, Günther Batliner und Bernd Wurster gelang es, in kompetenter Weise, Lebensart und Gesang der Vögel in freier Natur zu erklären. Trotz ausserordentlich verhaltener Gesangstätigkeit waren nebst unseren altbekannten Sängern auch einige Raritäten zu hören und zu beobachten: Baum- und Bergpieper, Misteldrossel, Fitis, Gimpel und Gartengrasmücke liessen es sich nicht nehmen, verhalten oder geschwätzig, flötend oder pfeifend ihre Stimme erklingen zu lassen.
Mehr zu reden gab unter den Experten und Vogelfreunden aber die besagte Zurückhaltung der Gesangstätigkeit, die geringe Anzahl der Vögel und das Fehlen so mancher Arten.
Wo ist der Kuckuck?
Der Balzner Ornithologe Hanspeter Frick stellte fest, dass allein in den letzten 30 Jahren eine Vielzahl von früher heimischen Brütern in Balzers nicht mehr zu sehen und zu hören seien: Grauammer, Neuntöter, Braunkehlchen, Lerchen, Dorngrasmücke, Pirol, Nachtigall, Wendehals, Trauerschnäpper, Rohrammer, Kuckuck und Ziegenmelker und andere mehr – allesamt Vögel, die auf ein geeignetes Brutgebiet und einen durch Insekten gedeckten Tisch angewiesen sind. Ausserdem gibt es manche Arten, welche nur noch sporadisch und vereinzelt als Brutvögel in Erscheinung treten wie der Gartenrotschwanz, Waldlaubsänger oder der Wiedehopf. Eine sinnvolle Artenförderung müsse deshalb mit einer entsprechenden Umweltpolitik gekoppelt werden.
Spätestens mit dem kürzlich bekannt gewordenen dramatischen Rückgang der Insekten in den vergangenen 20 Jahren um beinah 75% müssten auch den letzten Umwelttechnokraten die Alarmglocken läuten. Der Schwund der Arten ist in vollem Gange. Die wenigen Profiteure der Klimaerwärmung können die fehlende Vielfalt nicht mehr wettmachen.
Man darf gespannt sein auf den im Herbst erscheinenden neuen Schweizer Brutvogelatlas, welcher auch das Gebiet Liechtensteins umfasst.
Bei Kaffee, Gipfeli und Bratwurst und allerlei Getränken in der Sääga konnten sich die tapferen Wanderer ausreichend verköstigen und etwas aufwärmen.
Wilfried Vogt

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Datum: Sonntag, 6. Mai 2018 8:24
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